Nachtfluglärm kann Gefäßschäden verursachen - die Stiftung Mainzer Herz unterstützt die Studie der Kardiologie I

Fluglärm kann bei gesunden Menschen zu Gefäßfunktionsstörungen, erhöhtem Stresshormonspiegel und zu einer verminderten Schlafqualität mit drastischen Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System führen: das sind die wegweisenden Erkenntnisse aus der Fluglärm-Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Münzel. Im Rahmen der Studie wurden 75 gesunde Freiwillige während des Schlafs drei unterschiedlichen Lärmszenarien ausgesetzt.

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17.02.2017

Durchbruch bei der Lärmforschung:
Neue Studie der Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz entschlüsselt Mechanismen, die für Gefäßschaden infolge von Fluglärm verantwortlich sind

Fluglärm führt langfristig zu einer vermehrten Ausbildung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 2013 ist es der Arbeitsgruppe von Professor Münzel gelungen nachzuweisen, dass simulierter Nachtfluglärm das Stresshormon Adrenalin erhöht, die Schlafqualität vermindert und einen Gefäßschaden, genannt endotheliale Dysfunktion, auslöst. Die molekularen Mechanismen dieser Gefäßschädigung waren bis jetzt jedoch unbekannt. In einem neu entwickelten Tiermodell konnten die Wissenschaftler nun messbar feststellen, dass Fluglärm eine deutliche Erhöhung der Stresshormone, eine Gefäßfunktionsstörung, erhöhten oxidativen Stress in den Gefäßen und eine deutliche Änderung der Expression von Genen in der Gefäßwand nach sich zieht. Zudem entschlüsselten sie die Enzyme, die für den Gefäßschaden verantwortlich sind. Die Ergebnisse dieser Studie ermöglichen es erstmalig, spezifische Strategien zu entwickeln, die die durch Lärm ausgelösten negativen Konsequenzen für Gefäße abschwächen. Die im European Heart Journal, dem renommiertesten kardiologischen Journal in Europa, veröffentlichte Studie bezeichnen die Wissenschaftler als Durchbruch in der (Flug)-Lärmforschung. Die Ergebnisse wurden nun am 17.2.2017 in der Universitätsmedizin Mainz vorgestellt.

Im Rahmen dieser neuen Studie wurden die Effekte von zwei unterschiedlichen Lärmszenarien auf die Gefäße in einem Tiermodell getestet. In dem einen Lärmszenario wurden Mäuse für vier Tage mit Fluglärm, in dem anderen für vier Tage mit Umgebungslärm ("White Noise") ausgesetzt. Die mittlere Schallintensität war identisch. Die Arbeitsgruppe stellte fest, dass Fluglärm, ähnlich wie bei den mit Fluglärm exponierten gesunden Probanden in der Vorgängerstudie, innerhalb eines Tages schon eine endotheliale Dysfunktion auslöst, eine Überempfindlichkeit gegenüber gefäßverengenden Substanzen verursacht und die Stresshormonspiegel deutlich ansteigen lässt. Dies führt unter anderem zu einem Bluthochdruck. Verantwortlich hierfür war in erster Linie eine vermehrte Bildung freier Radikale als Folge des Fluglärms. Die Arbeitsgruppe identifizierte zwei Radikal-bildende Enzyme: die Nicotinamidadenindinukleotidphosphat-Oxidase (NADPH Oxidase) und Stickstoffmonoxidsynthase (NOS). Interessanterweise hatten gleiche Lärmpegel mit Umgebungslärm innerhalb von vier Tagen keine negativen Folgen für die Gefäße.

Die an der Studie beteiligte Arbeitsgruppe von Prof. Erwin Schmidt vom Institut für Molekulare Genetik der Johannes Gutenberg-Universität analysierte die Erbanlagen (Gene) in den Gefäßen, die durch den Lärm entweder hoch- oder herunterreguliert werden. "Im Vordergrund stand hierbei die Änderung der Regulation derjenigen Gene, die für den Spannungszustand der Gefäße, die Gefäßwandstruktur und den Gefäßzelltod verantwortlich sind", so Prof. Schmidt.

Nach Auffassung der Studieninitiatoren Univ.-Prof. Dr. Thomas Münzel, Direktor Kardiologie I im Zentrum für Kardiologie, Univ.-Prof. Dr. Andreas Daiber, Leiter der Molekularen Kardiologie im Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz und Prof. Dr. Erwin Schmidt bedeuten die Ergebnisse einen Durchbruch in der Lärmforschung. "Da traditionelle Risikofaktoren über die gleichen Mechanismen zu Gefäßfunktionsstörungen führen, muss man damit rechnen, dass Lärm die Wirkung von Herzkreislaufrisikofaktoren verstärkt und damit den Prozess der Gefäßverkalkung stimuliert", schließen die drei Wissenschaftler aus ihren Ergebnissen.

"Erstmals wird es nun auch möglich sein zu testen, inwieweit Herz- und Kreislaufwirksame Medikamente Fluglärm-induzierte Schäden an Gefäßen verhindern können. Zudem werden wir in naher Zukunft auch die Effekte von Straßen- und Schienenlärm untersuchen", so Prof. Münzel.

Die Studie wurde finanziell durch die Stiftung Mainzer Herz und die Boehringer Ingelheim Stiftung (Projekt: Neue und vernachlässigte Herzkreislaufrisikofaktoren) unterstützt.

Originalpublikation:

Thomas Münzel, Andreas Daiber, Sebastian Steven, Lan P. Tran, Elisabeth Ullmann, Sabine Kossmann, Frank P. Schmidt, Matthias Oelze, Ning Xia, Huige Li, Antonio Pinto, Philipp Wild, Kai Pies, Erwin R. Schmidt, Steffen Rapp und Swenja Kröller-Schön „Effects of noise on vascular function, oxidative stress, and inflammation: mechanic insight from studies in mice“, European Heart Journal DOI 10.1093/eurheart/ehx081

Die Publikation ist abrufbar unter:

https://academic.oup.com/eurheartj/article-lookup/doi/10.1093/eurheartj/ehx081


v.l.n.r.:-Univ.-Prof. Dr. Andreas Daiber, Univ.-Prof. Dr. Thomas Münzel,
Dr. rer. nat. Swenja Kröller-Schön, Prof. Dr. Erwin Schmidt

07.08.2016

Probanden gesucht!

Mainzer Fluglärm – Studie geht in die 3. Runde

Im Rahmen des Flughafen-Ausbaus ist die Mainzer Bevölkerung zunehmendem Fluglärm ausgesetzt. Viele Anwohner sorgen sich über mögliche Gesundheitsschäden durch den Lärm. Insbesondere Personen mit Vorerkrankungen könnten dabei gefährdet sein. Wir möchten durch unsere Studie neue Erkenntnisse auf diesem Gebiet gewinnen.

Dafür sind wir auf Ihre Mithilfe angewiesen!

Für unsere Studie unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Münzel suchen wir Freiwillige, um mögliche Auswirkungen von Fluglärm auf die Gesundheit von Personen mit Gefäßerkrankungen  oder Personen mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko, wie etwa durch Diabetes oder Bluthochdruck, zu untersuchen.

Wir suchen Personen ohne starke Vorbelastung durch Fluglärm, die bereit sind, in drei Nächten in der eigenen Wohnung Fluggeräusche (ca. 60 dB) abzuspielen (Recorder wird gestellt) und jeweils am Morgen nach der Beschallung zu weiteren Tests in unsere Klinik zu kommen.  

> Sie sind zwischen 30 und 75 Jahren alt?
> Sie leiden an einer Herz- und/oder Gefäßerkrankung, Diabetes oder erhöhten Blutdruck? 
> Sie wohnen in einem nicht sehr stark durch Fluglärm belasteten Gebiet?
> Und Sie arbeiten nicht für eine Fluglinie, den Flughafen oder sind Mitglied in einer Bürgerinitiative gegen Fluglärm?

Dann suchen wir Sie!

Teilnehmende Proband/Innen erhalten eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 100€.

Bei Interesse oder weiteren Fragen zögern Sie nicht sich bei uns zu melden.
Sie können uns werktags von 7.30Uhr-15.30Uhr unter 06131 17-2476 oder jederzeit per Mail an fluglaerm@unimedizin-mainz.de erreichen.

 

Vortrag Prof. Singer zum Thema "Fluglärm"

Prof. Wolf Singer, Mitglied des Expertengremiums Fluglärm, hielt am 01.06.2015 im Kaisersaal des Frankfurter Römers einen Vortrag zum Thema Fluglärm - der ganze Vortrag zum Download hier.

** Das Sonderheft "Fluglärm und Gesundheit" ist da! **

"Fluglärm ist der einzige Herz-Kreislauf-Risikofaktor, den nur die Politik und nicht Ärzte und die Patienten selbst positiv beeinflussen können."
In unserem Sonderheft erfahren Sie alle Fakten zur Auswirkung des Fluglärms auf unsere Gesundheit: aktuelle Studien, Ergebnisse der Fluglärm-Messstation, Statements rheinland-pfälzischer Politiker. Hier im Download!

Alle weiterführenden Informationen zur Fluglärm-Studie entnehmen Sie bitte der Zusammenfassung aus dem Jahresbericht des Zentrums für Kardiologie der Unimedizin: hier können Sie die Datei herunterladen.

Den Youtube-Kanal der Stiftung Mainzer Herz mit Videos zur Studie und zur Belastung der Unimedizin durch Fluglärm finden Sie hier


Weiterführende Links:

Kontinuierlich hohe Fluglärmbelastung auf dem Gelände der Universitätsmedizin

Durch ihre Lage in einer der Einflugschneisen zum Frankfurter Flughafen ist die Mainzer Unimedizin besonders von Fluglärm betroffen. Seit Januar 2013 befindet sich eine vom Landesamt für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht Rheinland-Pfalz errichtete Mess-Station auf dem Dach der Augenklinik der Mainzer Unimedizin. Am 07.02.2014 präsentierten das Amt sowie die Unimedizin Mainz neue Messergebnisse.

Die Fluglärmbelastung über der Universitätsmedizin Mainz und dem angrenzenden Gelände ist sowohl tagsüber als auch nachts hoch. Daten der auf dem Gelände der Universitätsmedizin aufgestellten Fluglärmmessstation zeigen nach wie vor Höchstwerte von 76 dB(A). Nach den so genannten „WHO Night Noise Guidelines for Europe“ sind bei Außen-Mittelungspegeln ab 40 dB(A) in der Nacht schädliche Gesundheitseffekte messbar. Empfohlene Spitzenwerte von 55 dB(A) in der Nacht werden auf dem Gelände der Universitätsmedizin teilweise um bis zu 20 dB(A) überschritten.

Seit Februar 2013 zeichnet eine Fluglärmmessstation des Landesamtes für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht auf dem Gelände der Universitätsmedizin Daten zur Fluglärmbelastung auf. Erste Messergebnisse für die Monate Februar, März und April 2013 waren im August letzten Jahres erstmals vorgestellt worden. Die Messergebnisse zeigten durchschnittlich 4200 Fluglärmereignisse im Monat, in der Regel lagen die Maximalpegel der Überflüge zwischen 60 und 65 dB(A), einzelne Überflüge bewirkten Spitzenwerte von bis zu 76 dB(A).

Die Fluglärm-Messstation der Mainzer Unimedizin
Fluglärm-Messstation auf dem Dach der Augenklinik

Die neuen Ergebnisse betreffen die Monate Juli und Oktober 2013. Sie bestätigen noch einmal die zuvor bereits gewonnene Erkenntnis, dass die meisten Fluglärmereignisse in den Zeiten der Tages- und Nachtrandzonen, den späten Vormittagsstunden und den Nachmittagsstunden zwischen 15 und 17 Uhr liegen. Insbesondere in den frühen Morgenstunden treten Überflüge mit Maximalpegeln von mehr als 68 dB(A) auf. Die Fluglärm-Mittelungspegel für den Nachtzeitraum liegen für 4 der 5 ausgewerteten Monate über den Empfehlungen der WHO von 40 dB(A).

Der Präsident des Landesamtes für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht Rheinland-Pfalz, Dr. Stefan Hill, kommentiert diese Situation: "Die an der Universitätsmedizin bereits durch die städtische Lage bestehende Lärmsituation wurde durch die neue direkt über die Universitätsmedizin gelegte Anflugroute weiter verstärkt." Während der fünf Monate gab es pro Monat durchschnittlich 236 Fluglärmereignisse zwischen 22 und 06 Uhr, das heißt etwa acht Ereignisse pro Nacht.

Aufgrund der neuen Daten lässt sich laut Landesamt feststellen: die Universitätsmedizin ist nicht nur bei Ostwind, sondern auch bei Westwind, hier in erster Linie durch die startenden Maschinen, betroffen.  

Univ.-Prof. Dr. Thomas Münzel, Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz, forderte nach Veröffentlichung der Ergebnisse einen "runden Tisch", um die Daten zu diskutieren und Sofortmaßnahmen zum Schutz der Patienten zu ergreifen.